Ausgewählte Texte

Grußwort


"Meinungsfreiheit, Seitensprung, Schwachsinn, Glückshormon, Kulturschock", so ist es in der Zeitung von Schule Kunst Museum zum 29. Internationalen Museumstag 2006 – Museen und junge Besucher – zu lesen. Begriffe, die in der Schriftübung einer Schülerin der Klasse 10 im Kunstunterricht am Konrad Adenauer Gymnasium auftauchten und ihren Weg in die oben genannte Ausgabe der Museumszeitung fanden, da sie das spezielle Lebensgefühl meiner damaligen 10. Jahrgangsstufe widerspiegelten.

 

Die Anregung hatte in einer Kunstunterrichtsstunde vor Ort die Wandzeichnung "Fiederzwenke" von Lothar Baumgarten auf der Rückwand des Museum Kurhaus Kleve gegeben. Die 15-Jährigen wussten zunächst mit diesem Werk von Lothar Baumgarten nichts anzufangen und waren damals recht befremdet, nicht nur von der "Fiederzwenke", sondern überhaupt ein Museum zu betreten. Eindruck aber hat ihnen gemacht, während des Kunstunterrichts das Schulgebäude zu verlassen.

 

In den folgenden, wohl mühsamsten und sperrigsten Kunststunden gelang es mir, das Feuer zu entfachen, und den Schülern, sich selbst zu erforschen und über sich hinaus zu wachsen. Die Gruppe entwickelte zuletzt eigene Entwürfe für eine Wandzeichnung, die ihr eigenes Lebensgefühl mit Begriffen neuer digitaler Techniken vermischte unter dem phantastischen Titel "Speicherdaten / Endstation". Diese Kunststunden waren Schwerstarbeit und Glück zugleich. Schade, dass die Arbeit zuletzt nicht ausgeführt wurde!

 

Erwartungsgemäß zielt der Kunstunterricht auf Eigenproduktion der Schülerinnen und Schüler, aber das Besondere sind die Gespräche mit Schülern vor Kunstwerken, die Reflexion und Tun im Kunstunterricht beflügeln. Deshalb steht bei Schule Kunst Museum wohl die Ausstellung von Schülerarbeiten in Museumsräumen im Interesse, eigentlich aber geht es immer um die persönliche Begegnung zwischen einem jungen Menschen und dem einzelnen Kunstwerk. Diese Begegnungen können zu eigenen, höchst gelungenen Produktionen der Schüler führen. In jeder einzelnen Begegnung jedoch liegt der eigentliche Wert für die Zukunft.

 

Die Intention, aus der heraus wir drei Kunstlehrerinnen der drei Klever
Gymnasien im Jahr 2000 unsere Schulhäuser, Klassenräume und Kunstsäle innerhalb des Stundenplans verlassen haben, um für einen lebendigen Kunstunterricht den außerschulischen Lernort, die wunderbaren Räume des Museum Kurhaus Kleve, zu erkunden, kreiste um den Gedanken der kulturellen Teilhabe und der in Kleve möglichen Begegnung mit hochwertigen Originalen zeitgenössischer Kunst.


Die Idee, das Netzwerk Schule Kunst Museum in die Räume des Museum Kurhaus Kleve zu holen und dort einmal im Jahr das Fest "mittendrin" zu feiern, wurde im Jahr 2000 im Café Moritz von Simone Scholten, damals wissenschaftliche Volontärin des Museums, erwogen.

 

Dieser jährliche Museumsauftritt des Klever Netzwerks feiert nun 2012 seinen 10. Geburtstag. Das Museumswochenende in den Räumen des Museum Kurhaus Kleve, von Lehrern und Schülern weiterführender Klever Schulen organisiert, gibt Jahr für Jahr überzeugende Lebenszeichen von Schule Kunst Museum.

 

Die weiterentwickelte, seit 2003 schulformübergreifende Zusammenarbeit der Schulen und des Museums, die Schülern der weiterführenden Schulformen kulturelle Teilhabe ermöglicht, ist auch noch im Jahr 2012 hoch anzuerkennende Pionierarbeit in Kleve. Im Jahr 2005 hat das die Jury des bundesweiten Wettbewerbs der Kulturstiftung der Länder "Kinder zum Olymp" mit einem 1. Preis gewürdigt.

 

Liebe, engagierte Kollegen: Die Mühe des Weges zwischen Schule und Museum lohnt, denn Sie öffnen sich selbst und Ihren Schülern Fenster!

 

Liebe Verantwortliche des Museum Kurhaus Kleve: Im Weinschlauch Museum sollte immer wieder auch junger Wein fließen, den wir nicht für Wasser erachten sollten!

 

Liebe Schülerinnen und Schüler: Neulich traf ich zufällig einen Ehemaligen, der inzwischen in China lebt und arbeitet. Er bestand darauf, dass er, angeregt durch die Begegnung mit zeitgenössischer Kunst im Kunstunterricht in den Räumen des Museum Kurhaus Kleve, heute auf seinen Reisen überall in der Welt Museen besucht und dadurch bereichert ist.

 

Liebe Eltern: Begleiten Sie Ihre Kinder ins Museum Kurhaus Kleve und lassen Sie sich von Ihren Kindern zu den Kunstwerken führen!

 

Ich wünsche mir und dem Netzwerk, dass die Initiative Schule Kunst Museum noch lange lebt und die engagierte Arbeit der Beteiligten Wertschätzung findet.

 

Angelika Paatz-Rürup
Initiatorin von Schule Kunst Museum
Netzwerkkoordinatorin 2000–2006

 

(aus: Katalog des Netzwerks Schule Kunst Museum anlässlich der zehnten Ausstellung von Schülerarbeiten im Museum Kurhaus Kleve, 04.–05.02.2012)

Ein großer Schritt

Als Angelika Paatz-Rürup vor zehn Jahren das Projekt Schule Kunst Museum initiierte, konnte sie nicht ahnen, wie weitreichend, zukunftsträchtig und erfolgreich ihre Initiative sein würde.

Dass Angelika Paatz-Rürup diesen Schritt machen würde, war nicht selbstverständlich. Sie hat die institutionelle Museumsarbeit in Kleve immer kritisch begleitet. Die Ausstellungen im Museum Haus Koekkoek und seit 1997 auch die im Museum Kurhaus Kleve beobachte sie stets mit der Distanz einer selbst künstlerisch ausgebildeten Person. Durch die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geprägt, verstand sie das Museum als Ort der Kreativität, des Lernens und des Tuns – in gewissem Maße auch "als ein Ort der ständigen Konferenz", um es mit den Worten von Joseph Beuys zu formulieren.

Nach seiner Eröffnung 1997 hatte das Museum Kurhaus Kleve relativ schnell begonnen, sein Ausstellungsprogramm und somit auch seine Sammlung zu entwickeln. Bedeutende Einzelausstellungen herausragender internationaler Künstler waren von nun an in Kleve zu sehen. Die Auseinandersetzung des Publikums mit den Künstlern und ihren Werken wurde durch vielseitige Aktivitäten vertieft.
 
Schon bald fand sich eine kleine Gruppe von Lehrern, neben Angelika Paatz-Rürup Helga Diekhöfer, Gabriela Walraven und Hubert Wanders, alle Lehrer an unterschiedlichen Schulen in Kleve, zusammen mit dem Ziel, das Museum nicht länger betrachtend, sondern vor allem aktivierend in den Kunstunterricht zu integrieren. Beim Museumsbesuch sollten die Erläuterung und Deutung der dort vorhandenen Werke mittels des gesprochenen Wortes zu Gunsten einer Interpretation durch die eigene Kreativität zurücktreten. Die Schüler der verschiedenen Schulen, von Hauptschule bis Gymnasium, konzentrierten sich jährlich auf das Werk von meistens ein oder zwei Künstlern, das sie erkundeten, interpretierten und als Inspirationsquelle für das eigene Wirken nahmen. Durch ihre Beschäftigung mit dem Werk der ausgewählten Künstler erschloss sich den Schülern relativ leicht die Bedeutung und Einzigartigkeit ihrer künstlerischen Position. Diese Einmaligkeit funktionierte als Ansporn für das eigene künstlerische Wirken und offenbarte sich in unterschiedlichster Form.

Hinzu kam, das seitens des Museums den Schülern an einem Wochenende die "heiligen Hallen" des Museums als Forum für ihre künstlerische Arbeiten zur Verfügung gestellt wurden – eine einmalige Geste, die dazu führte, dass in just jenen Räumen, in denen die Schüler die "große Kunst" erlebt hatten, nun gleichrangig ihre Arbeiten gezeigt, aufgeführt und ausgeführt wurden. Über eine längere Zeitspanne wurde auf diese Präsentation in den "offiziellen" Räumen des Museums hingearbeitet. Wie auch für die "großen" Künstler wurden für die Schüler die Qualität und anspruchsvolle Museumsräume zum Ansporn.

Begleitet und stimuliert von ihren Lehrern entstanden vielschichtige Arbeiten, Installationen, Performances, Malerei und skulpturale Arbeiten. Vor zehn Jahren wurde so das grandiose Wochenende Schule Kunst Museum mit jährlich wechselnder Thematik und Ausrichtung geboren. Und von Anfang an wurde die Initiative von einer Welle der Begeisterung seitens des Publikums begleitet. Nicht nur die Eltern, die oft von ihren auch als "Kuratoren" aktiven Kindern voller Stolz durch die Museumsräume geführt wurden, strömten in das Museum, auch die Klever Bürgerschaft nahm regen Anteil an der Vernetzung zwischen Museum und Schülern. Die zahlreichen Lehrer und ihre Schüler, die nunmehr seit zehn Jahren mit viel Aufwand und großer Begeisterung mit ihren Schülern auf dieses Wochenende hinzuarbeiten, haben Kleve und dem Museum kulturell ein großes Geschenk gemacht. Die Lehrer haben gezeigt, wozu Motivation und Begeisterung führen können. Die Schüler haben bewiesen, welch künstlerisches Vermögen und welch geistige Freiheit in ihnen stecken – und vor allem haben sie gezeigt, welch für unsere Zukunft unentbehrliche gestalterische Kraft in ihnen steckt.

Guido de Werd
Gründungsdirektor und Leiter des Museum Kurhaus Kleve bis 2010

 

(aus: Katalog des Netzwerks Schule Kunst Museum anlässlich der zehnten Ausstellung von Schülerarbeiten im Museum Kurhaus Kleve, 04.–05.02.2012)

Museum Kunst Schule und zurück

Augen öffnen, Sinne öffnen, staunen – verstehen

Ein kommunikativer Prozess wird in Gang gesetzt
So lässt sich umreißen, wie sich ein typischer Museumsbesuch für Schülerinnen und Schüler darstellt, vorbereitet durch ihre Kunstlehrer und seit Jahren fachlich begleitet durch Valentina Vlasic, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museum Kurhaus Kleve. Es ist immer wieder erstaunlich zu sehen, wie häufig bei den Kindern und Jugendlichen aus anfänglicher Zurückhaltung, Unsicherheit und Distanz eine Offenheit entsteht, eine Neugier, ein Sich-Zuwenden, wie häufig aus anfänglichem Unverständnis und Verwunderung Wertschätzung wird.

Frisch ans Werk
Eine Inspiration entwickelt sich zur konkreten Idee: Ein Unterrichtsprojekt nimmt Formen an. Alle Schüler widmen sich einem Thema und es entstehen eigene Arbeiten als reflektierte Antwort auf die Kunstwerke eines zeitgenössischen Künstlers, dessen Werke man gerade kennengelernt hat.

Zurück ins Museum
Am jährlich stattfindenden Museumswochenende fließen die Ergebnisse aller Projekte in eine große Werkschau: Die Schüler richten zusammen mit ihren Lehrern die Ausstellung ein, erstellen Handouts und gestalten gemeinsam die Feier "mittendrin" mit Beiträgen aus den musischen Fächern, mit Festreden, mit Performances und Aktionen über den ganzen Sonntag verteilt. Eltern, Freunde, Mitschüler und die interessierte Öffentlichkeit werden eingeladen zu einem kostenlosen Museumsbesuch und sie alle kommen in Scharen. Fragt man die Schüler, was Ihnen wichtig an der Teilnahme ist, so wird immer wieder genannt, dass sie sich über die Atmosphäre im Museum freuen, über die überschwängliche allgemeine Resonanz der Ausstellungsbesucher und die Erfahrung der  persönlichen Bestätigung.

Wirkung und Nachhaltigkeit
"Gestalten, forschen, beschreiben und inszenieren sind Zutaten der kulturellen Bildung. Ohne sie kommt keine Schule mehr aus, die Kreativität und Ästhetik fördern möchte", so Stephan Dorgerloh, Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt, auf dem Kongress "Kulturelle Bildung in der Schule" in Dessau im Juni 2011.

Ein großes Ziel, ein wichtiges Ziel, eins, das es mit viel Überzeugung und Tatkraft umzusetzen gilt und dem sich die Mitglieder des Netzwerkes Schule Kunst Museum von Anfang an verschrieben haben.

Wir sehen es als unsere Aufgabe an, Schülern neue Erfahrungsräume aufzutun und erlebbar werden zu lassen, sie im besten Sinne gierig zu machen auf Neues, Verschlüsseltes, Verborgenes, Entdeckenswertes, das es zu erforschen gilt.

Durch Einblicke in die Zeichensprache der Kunst, durch den kreativen Prozess des Selber-Gestaltens, durch die intellektuelle Durchdringung des künstlerischen Ansatzes und durch den Prozess, die Ergebnisse des eigenen kreativen Schaffensprozesses für eine größere Öffentlichkeit zu inszenieren, macht jeder teilnehmende Schüler in verschiedenster Hinsicht prägende, positive, im besten Sinne "bildende" Erlebnisse.

In zehn Jahren haben anfänglich ca. 200 und später bis zu 500 Schüler jährlich solche Erfahrungen machen dürfen.

Wie ließe sich aus dieser Wirkung Nachhaltigkeit erzielen? Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, hat darauf eine zukunftsweisende Antwort, indem sie postuliert, dass man die Kunst- und Kulturangebote in den Schulen von ihrem Projektstatus befreien müsse. Die ästhetische Bildung aufzuwerten hieße, sie allerorten als festen Bestandteil in den Schulalltag zu integrieren.

Helga Diekhöfer
Netzwerkkoordinatorin 2007–2012


(aus: Katalog des Netzwerks Schule Kunst Museum anlässlich der zehnten Ausstellung von Schülerarbeiten im Museum Kurhaus Kleve, 04.–05.02.2012)